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Vor fünfzig Jahren starb der kubanische Dichter José Lezama Lima

Lezama Lima Zeichnung von Mariano.1941José Lezama Lima wurde am 19. Dezember 1910 in Columbia bei Havanna geboren. 
Er war Jurist, arbeitete als Rechtsanwalt, war Herausgeber mehrerer Literaturzeitschriften, darunter die berühmte Origenes und Vizepräsident des kubanischen Schriftsteller- und Künstlerverbandes; er war Lyriker, Essayist und Prosaautor. Sein umfangreiches Werk wurzelt in einer profunden Universalbildung und einer nahezu sakralen Hingabe an die Literatur. 
Lezama Lima starb am 9. August 1976 in Havanna.

Der Erfolg seines Romans Paradiso lässt die anderen Werke, die in deutscher Übersetzung erschienen sind, leicht in den Hintergrund treten und ihre fehlende Lieferbarkeit lässt sie dann vollends in Vergessenheit geraten. 
Seine profunde Kenntnis der spanisch- und portugiesischsprachigen amerikanischen Kultur wird in dem 1992 von Gerhard Poppenberg übersetzten kleinen Essayband „Die amerikanische Ausdruckswelt“ deutlich. Die hier versammelten fünf Vorträge empfehlen sich als hervorragende Einführung in diesen umfangreichen Themenkomplex. 
Als Lyriker ist Lezama Lima im deutschsprachigen Raum nur unzureichend bekannt geworden. Abgesehen von vielen Übersetzungen in Zeitschriften und Anthologien erschien 1994 lediglich ein von Curt Meyer-Clason übersetztes schmales, zweisprachiges Bändchen („Fragmente der Nacht“) mit einer Auswahl aus seinen insgesamt fünf Lyriksammlungen. 
Auch für die von Wilfried Böhringer übersetzten fünf Erzählungen, die unter dem Titel „Spiel der Enthauptungen“ 1991 erschienen, gilt, dass der vielseitige Autor erst durch die Übersetzung von Paradiso eine ihm gebührende, leider nur kurzzeitige Aufmerksamkeit erfuhr. Die Anthologie enthält zwischen 1936 und 1946 entstandene Geschichten, die quasi als Vorstufen zu Paradiso angesehen werden können. Sie berichten von realen und fantastischen Begebenheiten, sind voller Zitate, Referenzen und Anspielungen auf die europäische Kultur, die alten, klassischen Zivilisationen, aber auch auf die asiatische Welt. Die Leserinnen und Leser sollten sich "darauf gefaßt machen, in ein einzigartiges ausuferndes Universum einzutreten…“ (Jesús Díaz)  
       
1979 erschien, übersetzt von Curt Meyer-Clason unter Mitwirkung von Anneliese Botond, „Paradiso“, der Roman, der den weltweiten Ruhm des Autors begründete. 
Auf den ersten Blick handelt es sich bei diesem „Weltkulturroman“ (Ilija Trojanow) um die Geschichte des Protagonisten José Cemí (C'est mí), seiner Kindheit (sein Paradies) und seines Erwachsenwerdens. Das ist nur eine Lesart, denn zunächst ist da "ein Wimmeln und Wuchern von Gestalten, momenthaft aus der Erinnerung beschworen, von kaum verbundenen Szenen und Vorgängen, Gesprächen und Träumen. Hier surrealistisch-hermetische Passagen, dort Gespräche über das pythagoreische Zahlensystem oder spanische Barockliteratur, über Sexualität in all ihren Erscheinungsformen." (Emir R. Monegal). Kurz, ein fulminanter Roman, der einige Mühe bereitet, die endlich belohnt wird, obwohl (oder weil) dieses Buch nicht „auszulesen“ ist.
Lezama Lima-Begeisterte mussten dann 25 Jahre warten bis 2004 endlich die deutsche „Fortsetzung” von Paradiso erschien: „Inferno. Oppiano Licario”. Dem Übersetzer und Herausgeber Klaus Laabs ist das Kunststück zu verdanken, dieses barocke Meisterwerk in langjähriger Arbeit in die deutsche Sprache zu transportiert zu haben (es empfiehlt sich, sein amüsantes Nachwort zum Abenteuer des Übersetzens vorab zu lesen). Hauptpersonen in diesem Roman sind, wie schon in „Paradiso“, José Cemí, Ricardo Fronesis und Fonción. Zu diesen Protagonisten gehört auch noch jener Oppiano Licario, eine mysteriöse, eigentliche gestorbene Gestalt, die schon in Paradiso auftauchte, und die Cemí ein geheimnisvolles Manuskript übergeben soll. Eine Inhaltsangabe zu diesem poetischen Roman, einem Roman zwischen Traum und Wirklichkeit, ausufernd und ohne logische Abfolge von Geschehnissen ist unmöglich. Wie schon bei Paradiso, so verlangt auch Inferno eine große Anstrengung von den Leserinnen und Lesern, die sich nicht abschrecken lassen sollten, auch wenn die Lektüre von Lezama Lima „eine der härtesten und oft auch ärgerlichsten Tätigkeiten, die es geben kann“ ist. (Julio Cortázar)
(Zeichnung von Mariano, 1941)